In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Wochenende des 26./27. Juli 2025 äußerte sich Katherina Reiche (CDU), Bundesministerin für Wirtschaft und Klima, dahingehend, dass die Deutschen „notfalls auch bis 70“ arbeiten müssten. Sie begründete dies mit der Aussage, es sei „auf Dauer nicht gut“, wenn ein Drittel des Erwachsenenlebens in Rente verbracht werde.
Was auf den ersten Blick wie ein rationaler Vorschlag zur Stabilisierung unseres Rentensystems erscheinen mag, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als weltfremd, unsozial – und vor allem: menschenverachtend.
Natürlich gibt es Berufe, in denen Menschen auch im Alter von 67 oder gar 70 Jahren noch arbeiten können – etwa in der Verwaltung, im akademischen Bereich oder in der Politik selbst. Doch dieser Vorschlag ignoriert gänzlich die Realität hunderttausender Menschen, die ihr Leben lang körperlich hart arbeiten – im Bauhandwerk, in der Pflege, in der Produktion oder im Reinigungsdienst. Wer mit 16 ins Berufsleben startet und 50 Jahre lang täglich körperliche Belastungen ausgesetzt ist, kann mit 67 oft kaum noch aufrecht stehen – geschweige denn arbeiten.
Einseitige Betrachtung auf dem Rücken der Schwächeren
Der Vorschlag zur Rente mit 70 kommt aus Kreisen, die selten wissen, was Schichtdienst bedeutet. Es sind jene, die sich in klimatisierten Büros oder auf gut gepolsterten Parlamentsstühlen über das „Durchhaltevermögen“ der Bevölkerung unterhalten, ohne selbst je körperliche Erschöpfung erlebt zu haben. Diese Haltung zeugt nicht nur von sozialer Kälte, sondern auch von einer tiefgreifenden Entfremdung gegenüber der Lebensrealität der Menschen in unserem Land.
Fakten, die nicht ignoriert werden dürfen
Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) liegt die durchschnittliche Lebenserwartung von Menschen mit niedrigem Einkommen – häufig Arbeiterinnen und Arbeiter in körperlich belastenden Berufen – um bis zu zehn Jahre unter der von Akademikerinnen und Akademikern. Gleichzeitig zeigen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung, dass über 40 % der Beschäftigten in Deutschland bereits heute nicht gesund das reguläre Renteneintrittsalter erreichen.
Hinzu kommt: Laut einer Erhebung der DAK-Gesundheit aus dem Jahr 2023 sind Beschäftigte im Baugewerbe, in der Pflege und im Lagerwesen deutlich häufiger von chronischen Erkrankungen, Muskel-Skelett-Beschwerden und psychischer Erschöpfung betroffen. Diese Gruppen sind es, die eine Rente mit 70 am härtesten träfe.
Solidarität statt Spaltung
Statt das Renteneintrittsalter weiter nach oben zu schieben, brauchen wir ein gerechtes Rentensystem, das die unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen berücksichtigt. Es ist weder gerecht noch nachhaltig, Menschen, die jahrzehntelang unter oft harten Bedingungen gearbeitet haben, dazu zu zwingen, bis zur völligen Erschöpfung zu schuften – nur damit Statistiken schöner aussehen.
Es braucht eine differenzierte Betrachtung: Wer körperlich schwer arbeitet, muss früher in Rente gehen dürfen – und zwar ohne Abschläge. Wer will und kann, soll selbstverständlich auch nach 67 weiterarbeiten dürfen. Doch die Entscheidung darüber darf nicht durch politische Dogmen oder ideologische Sparprogramme erzwungen werden.
Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen
Eine Politik, die Renteneintritt mit 70 fordert, verkennt die Würde der arbeitenden Bevölkerung. Sie ignoriert die gesundheitlichen Belastungen vieler Berufsgruppen und sendet das fatale Signal: „Eure Lebensleistung ist nichts wert.“ Das dürfen wir nicht hinnehmen. Eine soziale Gesellschaft erkennt die Arbeit ihrer Bürgerinnen und Bürger an – nicht nur in Sonntagsreden, sondern durch gerechte politische Entscheidungen.
Fazit: Für eine gerechte Rentenpolitik – gegen die Rente mit 70
Die Idee einer generellen Rente mit 70 ist nicht nur realitätsfern – sie ist sozial ungerecht. Wir brauchen endlich eine Politik, die die Lebenswirklichkeit der Menschen ernst nimmt, die zuhört und handelt. Eine Politik, die nicht von oben herab entscheidet, sondern mit Herz, Verstand und sozialer Verantwortung.
Wir fordern daher: Schluss mit technokratischen Debatten auf dem Rücken der arbeitenden Bevölkerung. Stattdessen brauchen wir eine menschliche, faire und solidarische Rentenpolitik – im Sinne der Menschen, nicht der Zahlen.
